Zwischen Vergangenheit und Zukunft

4.5
(11)

Schüler und Lehrer während der Quarantäne – Ein interessanter Nachtrag von Herr Deifel:

Tage im Corona-Tran…

Wieder einmal aufgerafft – der Tag beginnt derzeit meist zwischen halb acht und acht – in den Ferien muss ich ja nicht als Klassenlehrer früh nach dem Material für die Klasse schauen und alles hochladen – aber da sind meine zwei Jungs, die beide auf die Abschlussprüfung lernen sollten, der eine lernt gerade für die Mittlere Reife und startet erfreulich früh, der andere lernt fürs Abi, aber da dauert es etwas länger, weil man ja des Nachts online seine sozialen Kontakte pflegen muss, aber das macht den Familienrhythmus etwas unrund…trotzdem liest man allüberall, dass die feste Struktur soooo wichtig ist – also mal los.

Nach dem Frühstück dann der erste Checkup der Nachrichtenlage – bin ja auch normalerweise ein Nachrichtenjunkie – wer prescht jetzt gerade vor? Der Laschet oder der Söder? Schulöffnungen nächste Woche oder eine Woche später oder an St. Nimmerlein? Und dann der tägliche Trump-Wahnsinn…was würden wir nur jeden Tag ohne unsere Dosis Wahnsinn aus Washington tun? Was gibt’s heute? Zahlungen an die Weltgesundheitsorganisation ausgesetzt – jaaaa klar, ist ja nur die größte Weltgesundheitskrise ever, da kann man ruhig mal ein bisschen egoistisch sein…

Tja, und das mit den Schulschließungen könnte ja auch ganz amüsant sein – wenn es einen nicht so ausbremsen würde: mache ich die Grammatik für die 6er jetzt wieder online, suche ich irgendein schickes Tutorial für den Gebrauch des Passiv im Deutschen, von dem ich nicht weiß, wie viele Schülerinnen und Schüler es dann gucken und/oder verstehen – oder hoffe ich darauf, dass alles bald wieder normal weitergeht? Soll ich meinen Abiturienten/Abiturientinnen mal wieder auf die Zehen treten, dass sie was tun sollen? Und wo? Auf filr? Per messenger? Oder auf Teams?

A propos „Teams“ – oh wei Boomer! Hat ja einigermaßen geklappt mit der Lehrer-Konferenz letztes Mal – trotzdem ein Abenteuer – und meine bestellte Webcam ist immer noch nicht da – „aufgrund der aktuellen Lage Lieferschwierigkeiten“ tjaja – was braucht der moderne Corona-Mensch? Webcams und Wischpapier!

Überhaupt Zukunft: meine Uni-Fitness läuft jetzt auch per Skype – schon ulkig, wenn die kleine Tochter vom Vorturner während der Session gefühlte zwanzig Mal durchs Bild rennt, die Übungen kann ich immerhin mit fünf Sekunden Verzögerung erschließen, der Ton ist dafür deutlich besser als vorher mit „Zoom“ – und was die Nachbarin wohl so denkt, wenn sie mich hier in meinem Dach-Arbeitszimmer so hüpfen sieht – Autsch – jetzt bin ich schon wieder beim Hampelmann mit der Hand gegen die Lampe geknallt! Und trotzdem – tut gut!!

Dann eine kleine Session Wahrscheinlichkeit mit dem Sohnemann – oh Mann – wie war das? Mit Zurücklegen und ohne Zurücklegen ist ja noch chillig – aber dann…Binomialkoeffizient…hey, ich hätte nie gedacht, dass ich mich damit nochmal beschäftige…noch vier Wochen Corona-Shutdown, und ich schaffe sogar das Mathe-Abi wieder…und meine Frau auch – zumindest ist jeder in einigen Bereichen so weit, dass es für Punkte im Pflichtteil reichen würde…

Dann die zentrale Handlung des Tages – Einkaufen! Erstmal überlegen, wann wenig los ist – also bloß nicht direkt vor und nach Ostern, nie direkt nach Ladenöffnung – und dann die Frage: setz ich die Scheiß-Maske jetzt auf? Sieht schon bescheuert aus – aber was willste machen? Irgendwann muss man sich ja mal dran gewöhnen, Schule wird es in diesem Schuljahr nicht mehr geben ohne, nehme ich an…Und dann die Endorphine für heute: es gibt Hefe, yeah…

Am Nachmittag dann in Ermangelung konkreter Zukunftsperspektiven ein Blick in die Vergangenheit: Arbeitszimmer ausmisten! „Staub soll er fressen und mit Lust“ (Zitat woraus? Na….?) Warum habe ich die Klett-Prospekte aus dem Jahre 2011 noch nicht aussortiert? Witzig, das große Schülerraten mit Notenlisten aus dem Jahre 2007…Boah, und wenn ich die Fortbildungsunterlagen aus den vergangen Jahren alle gelesen hätte – meine Güte, wäre ich dann gebildet!

Dann neuer Check der Mails: na danke, Nachricht von „booking.com“ – „ihre Unterkunft (in Tschechien) teilt mit, dass wegen der aktuellen Lage blablabla leider stornieren müssen“ Danke – sehr motivierend – Corona – du A…! Aber wie heißt es so schön: man soll nicht so viel jammern im Homeoffice, stimmt schon, existentielle Sorgen sind anders…

Bleibt die zweite zentrale Handlung des Tages: raus!! Wenn ich von unseren französischen Freunden höre, dass die Kinder tatsächlich seit vier Wochen keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt haben, dann wird mir ganz anders. Ich kenne – egal ob als Wanderer oder mit dem Bike – bald jeden Stein rund um Entringen mit Vornamen – aber für die psychische Gesundheit fast noch wichtiger als für die körperliche…

Bleibt das abendliche Abhängen – irgendwo zwischen ARTE-Arthaus (heute Abend „Drei Tage in Quiberon“ wäre nicht schlecht) oder meistens doch eher wohltuend seicht – Tierdokus oder „Das Pubertier“ oder doch mal wieder „Harry Potter“ – schon mindestens acht Wochen nicht mehr…und manchmal sogar lesen!

Und dann eine weitere Nacht in Erwartung eines neuen Tages – vielleicht sogar mit Neuigkeiten – ganz ehrlich, Schulöffnungen (nach und nach) wären cool – ich freu mich auf euch!

Von Herr Deifel

Bewerte diesen Artikel!

durchschnittliche Bewertung: 4.5 | Anzahl der Bewertungen: 11

Bisher keine Stimmen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

0 Antworten auf “Zwischen Vergangenheit und Zukunft”

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.