Der ELCH Die Schülerzeitung des SGH

Kurzgeschichte: Der Überfall

2.8
(5)

Ich spürte die Veränderung schon, bevor meine Sinne sie wahrnehmen konnten.
Und dann ertönte der Schuss. Und direkt im Anschluss die ersten Schreie. Schrill, durchdringend und markerschütternd. Mein Körper spannte sich an, mein Blick schoss hellwach hin und her. Da sah ich ihn. Einen Mann, ganz in schwarz gehüllt, der brutal mit einem Gegenstand rumfuchtelte. Erst da erkannte ich, dass es eine Pistole war. Mein Puls schoss in die Höhe und mein Herz begann, aufgeregt zu schlagen.

Die Menschen in dem Laden versuchten, sich panisch in Sicherheit zu bringen und waren außer sich vor Angst. In dem Moment drehte der Mann sich in meine Richtung und sah mir direkt in die Augen. Sein Blick lähmte mich und ließ mich auf der Stelle erstarren. Ich war unfähig, mich zu bewegen. Ich konnte ihm einfach nur in die eisblauen Augen starren und meine Gedanken rasten.
Er setzte sich ganz langsam in Bewegung. Die Waffe zielte genau auf mein Herz.

Wie ein angsterfülltes Kaninchen stand ich da und sah ihn immer weiter auf mich zukommen. Ich wollte schreien, um Hilfe rufen, aber mein Mund war wie versteinert. Alle anderen Menschen um mich herum rannten um ihr Leben, ohne mich eine Sekunde lang zu beachten.

Und dann stand er direkt vor mir. Der eben noch so volle Laden war nun fast leer.

Eine Erinnerung schoss mir durch den Kopf. Wie ich schon als kleines Kind immer in Schockstarre gefallen war, wenn große, angsteinflößende Hunde auf mich zu gerannt waren.
Vermutlich war das Gleiche jetzt der Fall.
Ein Überfall, der Mann wollte hoffentlich einfach nur Geld und würde mich dann laufen lassen.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und ich begann, zu zittern.

Aber was, wenn er nur wegen mir hier war? Wenn das hier kein Zufall war. Wenn ich nicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ich versuchte, mich zu beruhigen, mir einzureden, dass das vollkommen unlogisch war, aber ich konnte nicht mehr klar denken.

Ich konnte meinen Herzschlag so laut hören, dass ich Angst hatte, auch er würde ihn hören.

Ich war schon immer ein ziemlicher Angsthase gewesen, bei der kleinsten Spritze bekam ich einen Panikanfall, bei Kletterausflügen mit der Klasse hatte ich mich vor der Höhe gedrückt und behauptet, krank zu sein. Eigentlich fürchtete ich mich vor allem und viele aus meinem Umfeld machten sich deswegen seit jeher über mich lustig.

Niemandem konnte man bessere Streiche spielen. Seien es Spinnen, die ich morgens in meinen Schuhen fand, oder eine offene Haustür, als ich einmal von der Arbeit nach Hause kam.
Mit einer ruckartigen Bewegung riss er mich aus meinen Gedanken. Er stand so dicht vor mir, dass ich längst keine Chance mehr zum Fliehen hatte. Mit aller Macht versuchte ich, die Tränen zurückzuhalten, die in mir hochkamen. Er sah es und grinste angsteinflößend, was mich noch panischer machte.

In dem Moment ertönte hinter uns ein Geräusch. Und dann krachte ein Regal in Richtung des Typs mit der Waffe. Aber er fuhr herum und wich in letzter Sekunde aus. Gleichzeitig mit ihm entdeckte ich das kleine Mädchen, höchstens zehn Jahre alt, das das Regal umgeschmissen hatte.
Mit drei Schritten war er bei ihr und richtete die Waffe wutentbrannt auf sie.

Ich hörte auf zu Atmen und registrierte, wie sehr das arme Mädchen zitterte. Ich wusste nicht, warum sie das Regal umgeschmissen hatte, aber jetzt stand sie dort und sah ihrem Tod ins Gesicht.
Meine Gedanken überschlugen sich, was sollte ich bloß tun, sie war noch so klein. Ich konnte doch nicht einfach zusehen, wenn er ihr etwas antun wollte. Er drückte dem Mädchen die Waffe gegen die Stirn. Sie weinte lautlos und sah so unglaublich hilflos und unschuldig aus.

„Nein! Lass sie gehen, sie ist noch ein Kind!“, hörte ich jemanden schreien, bis ich realisierte, dass ich es gewesen war. Er fuhr zu mir herum und ich sah das aggressive Funkeln in seinen Augen, das mir klar machte, dass es jetzt richtig gefährlich werden würde.
Und dann ging alles ganz schnell. Das Mädchen versuchte, wegzurennen und ich erkannte, was er vorhatte, bevor er dazu kam, den Abzug zu drücken.

In der Sekunde, in der ich mich auf das Mädchen warf, hörte ich das Klicken.

Dann spürte ich einen dumpfen Schmerz im Rücken. „Lauf“, rief ich ihr zu und wankte hinter ihr zur Tür, um sie abzusichern. Sirenen kreischten in meinen Ohren.
Die nächste Kugel durchbohrte mich, als sie durch die Tür gerannt war und schon von dem ersten Polizisten in Sicherheit gebracht wurde.

Ich schaffte es auch durch die Tür, bevor ich zusammenbrach. Der Schmerz übermannte mich, in meinen Ohren rauschte es, die Welt begann sich zu drehen. Aber in meinem Kopf wirbelte nur ein einziger Gedanke umher. Ich hatte dem Mädchen das Leben gerettet. Ich, der größte Angsthase überhaupt. Ich war einmal in meinem Leben mutig gewesen. Ich bekam noch unscharf mit, wie mehrere Polizisten sich dem Täter in den Weg stellten, der fliehen wollte und hörte durch das laute Rauschen in meinen Ohren undeutlich weitere Schüsse.

Ich registrierte benommen, wie Sanitäter auf mich zueilten.

Das Letzte, was ich sah, war das kleine Mädchen. Sie war in Sicherheit, zwar immer noch tief geschockt, aber am Leben und unversehrt. Mit ihren großen Augen sah sie mich mit Bewunderung und tiefer Dankbarkeit an.

Dann überwältigten mich die Schmerzen und die Welt wurde schwarz.

Von Maren

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