Tag 8: Herr Gern

4.3
(31)

Das machen Schüler und Lehrer während der Quarantäne – Herr Gern präsentiert uns einen unter Quarantäne gestellten Tagesablauf:

„Maamaaaaa!“ gellt es um (gefühlt) kurz nach Mitternacht durch das Haus. „Paapaaaaa!“. Die Uhr behauptet, es sei 6.00 Uhr. Faktisch ist es 5.00 Uhr. Der Schnee im Garten reflektiert fahl das Mondlicht. Aber wen kümmert schon die Wirklichkeit? Seit gestern gilt die Sommerzeit. (Sommerzeit trotz Volksentscheid!). „Ich will auuuufsteeeehn!“. Schon gut, schon gut. Wir kommen ja schon.

Der niedlichste Wecker der Welt möchte ein Bad nehmen. Danach ihr Elsa-Kleid anziehen. Aber, gebe ich zu bedenken, das hat kurze Ärmel. Egal. Unsere Tochter, drei Jahre alt, gibt uns zu verstehen, sie sei die Eiskönigin Elsa ist und somit kälteresistent. Meine Frau ist folglich Iduna. Wer ich bin, ist nicht ganz klar. Mal Olaf, mal Christof, mal Sven (insbesondere, wenn ein Reittier benötigt wird). Wenn´s gut läuft auch einfach Papa. Wenn´s dumm läuft Hans.

Dann wird gefrühstückt. Danach werden Zähne geputzt. Und dann handelt der Familienrat aus, wie der heutige Tag ablaufen wird. Folgende Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen: der Kindergarten ist geschlossen, stellt aber Material zur Verfügung (Respekt!). Unsere Tochter Arielle (nach dem Frühstück hat sie uns über ihre neue Identität informiert) genießt es, dass ihre Eltern endlich da sind und Zeit für sie haben. So die Theorie. Genauer gesagt: ihre Theorie. Ich selber arbeite von zu Hause aus und lade jeden Tag Material für die Schüler hoch. Meine Frau arbeitet in der Automobilindustrie. Ihr Arbeitgeber hat gerade sämtliche Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt, aber das heißt natürlich nicht, dass keine Telefonkonferenzen stattfinden – schon allein deswegen, weil jeder wissen will, wie es weitergeht; und weil sich das jeden Tag ändert. Heute ist keine angesetzt. Zum Glück! Letzte Woche, als auch meine Frau noch „ganz normal“ im Home Office war (was heißt in diesen Zeiten schon „ganz normal“?), war die Zeitplanung deutlich straffer. Deutlich straffer.

Nach den Beratungen fahre ich in die Stadt zum Einkaufen. Herrenberg sieht anders aus als sonst. Es dauert einige Zeit, bis ich benennen kann, woran es liegt. Die Stadt ist nicht menschenleer, und der Verkehr fließt fast wie immer. Aber: es hängen keine Veranstaltungsplakate mehr. Wirklich nirgends.

Die Läden sind voll, zum Glück. Es gibt sogar Toilettenpapier. Ich kaufe ganz viel Espresso-Kaffee und Salami. Und alles, was meine Mama so benötigt.

Meine Mutter lebt seit dem Tod meines Vaters alleine in einer kleinen Wohnung in Herrenberg. Sie ist topfit (sie schwingt sich auch mal eben auf ihr E-Bike und fährt 50 km) und soweit gesund. Anfang dieses Monats wurde sie 80. Kaum zu glauben, aber vor nicht einmal vier Wochen haben wir noch mit der engeren Familie Geburtstag gefeiert, als ob nichts wäre. Jetzt bringe ich ihr ihre Einkäufe mit Gesichtsmaske und halte Abstand. Und berichte ihr von ihrer Enkelin, die quasi um die Ecke wohnt, die sie aber nicht sehen darf.

Anschließend fahre ich zum Wertstoffhof. Die Stadt Herrenberg behauptet, sie hätte ein besonders innovatives Müllkonzept, das ohne Gelben Sack auskommt. In der Praxis sieht das so aus, dass man alles, was nicht Restmüll oder Papier ist, selbst zum Wertstoffhof bringen muss. Im Moment bekommen immer nur 10 Personen gleichzeitig Zutritt. Der Andrang ist groß (die Salamis und der Espresso und alles, was die anderen so als Durchhalte-Drogen entdeckt haben, sind schließlich in Plastik verpackt), aber irgendwann werde ich eingelassen.

Gegen 11.00 bin ich wieder zu Hause. Meine Frau hat inzwischen ein Merida-Kleid für unsere Tochter genäht (die zwar augenblicklich Vaiana ist, aber keine Sorge: das ändert sich).

Nun bereite ich mein Unterrichtsmaterial vor. Dann gibt es Mittagessen. Danach macht meine Frau mit unserer Tochter Rapunzel einen strategischen Spaziergang mit Kinderwagen, der im Wesentlichen dazu dient, dass unsere Tochter Marie (die kleine Katze aus Aristocats) einschläft. Was sie auch tut. So haben wir danach ein wenig Zeit, wirklich konzentriert zu arbeiten. Um 16.00 (faktische Realzeit also 15.00) machen wir eine halbe Stunde lang Yoga mit Adriene. Unser wöchentlicher Yoga-Kurs in Herrenberg findet natürlich nicht statt, aber Youtube kann halbwegs Abhilfe schaffen.

Um 17.00 erwacht unsere Tochter Merida und verfügt, dass nun ein Foto-Shooting in Gala-Kleidung stattzufinden hat. Warum nicht? Das Licht ist gut.

Danach ist Papa-Zeit. Nein, wir sehen uns keinen Disney-Film an. Falls in meiner Darstellung der Eindruck entstanden sein sollte, dass unsere Tochter in erster Linie vor dem Fernsehapparat erzogen wird, so muss ich das wohl geraderücken: wir haben gar kein Fernsehen! Dafür ein Heimkino. Ok. Aber Disneyfilme gibt es einmal im Monat. Nicht öfter. Die Wirkung ist allerdings, nun sagen wir mal: nachhaltig. Heute ist aber nicht dieser eine Tag im Monat. Wir lesen, bauen mit Duplo einen Zirkus und spielen ein Conni-Spiel. Es ist merkwürdig: obwohl Conni durch massives Merchandising in der heutigen Kinderwelt allgegenwärtig ist, hat unsere Tochter noch nie verkündet, sie sei Conni. Vermutlich ist Conni nicht glamourös genug. Zu alltäglich. Meine Schüler haben bereits vorgeschlagen, Conni (die ja als Vorbild für alle Lebens-Situationen konzipiert ist) auch in Ratgeber-Büchern für Jugendliche und Heranwachsende auftreten zu lassen. „Conni füllt ihre erste Steuer-Erklärung aus,“ „Conni kifft,“ oder so.

Dann übernimmt meine Frau wieder die Kinderbespaßung, während ich meine Daten für morgen hochlade. Und noch ein bisschen arbeite. Danach wäre es, laut Uhr, eigentlich Schlafenszeit, aber der Bio-Rhythmus unserer Tochter Cinderella orientiert sich nicht an willkürlich festgelegten Fantasie-Zeiten. Also machen wir noch einen Spaziergang, anschließend gibt es Abendessen. Nach einigen Gutenacht-Geschichten gibt dann unsere Tochter Mulan ihren Widerstand gegen das Zubett-Gehen auf. Was nicht heißt, dass sie schläft. Aber irgendwann ist sie dann doch eingeschlafen, und meine Frau und ich können einen Film ansehen. Genauer gesagt: einen halben Film. Denn für mehr als die Hälfte sind wir zu müde.

Von Herr Gern

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