Tag 1: Herr Reichl

4.4
(23)

Das machen Schüler und Lehrer während der Quarantäne – Den Anfang macht Herr Reichl!

„Alltag in Zeiten der Corona“

5 Wochen Ferien, super. Das macht sich in der durch Klassenarbeiten und Klausuren geprägten Zeit vor Ostern echt gut. Runter kommen, endlich Zeit anderes zu tun, auch mal außerhalb der Sommerferien, von denen – rechnet man Nacharbeits- und Vorarbeitszeiten ab – grob gerechnet meist eh nur gut drei Wochen übrig bleiben. Was also mit der neu gewonnen Zeit anfangen? Endlich wieder dem Hobby frönen? Also ran die Gitarre, an den Verstärker und neue Songs schreiben, die Werkstatt aufräumen, …

Vermutlich ist es das, was sich manche über den Lehreralltag während unserer Zwangsferne von unserer Schule denken. Ich darf berichten: Weit gefehlt! Die Realität sieht ganz anders aus. Hier ist er also, ein Einblick in den Alltag einer Lehrkraft in Zeiten Coronas:

Im Hause Reichl beginnt jeder Arbeitstag spätestens um 08:00 Uhr. Vermutlich auch dank der Schule meiner Frau, die noch kurz vor Schulschließung ein neues Kollaborations- und Kommunikationssystem aufgesetzt hat und die Schülerinnen damit während derer Unterrichtszeit komplett beaufsichtigt und betreut, sitzen wir Montag bis Freitag ab 08:00 Uhr vor unseren privaten Rechnern und beschäftigen uns … mit euch. Fernunterricht ist angesagt.

Wie sieht das dann aber aus, wenn Dr. Reichl „Fernunterricht“ macht? Zuallererst heißt es natürlich sehen, was es Neues von den Klassen, also von euch gibt. Eure Fragen beantworten, bzw. kurz chatten, schnell überprüfen, ob neue Infos von Seiten des Ministeriums da sind … nein … OK!? Erst jetzt im Anschluss beginne ich neue Arbeitsaufträge für den Unterricht zu erstellen, also Unterricht vorzubereiten.

Und wie ist das denn jetzt, Unterrichtsvorbereitung? Vor allem ohne Schüler?

Sicher eine berechtigte Frage. In meinen Fächern (dieses Jahr nur Biologie und NWT) heißt das für mich erst einmal einen Blick auf meine Jahresplanung werfen. Dort habe ich noch in den Sommerferien aufgeschrieben, was ich Woche für Woche, bzw. Stunde für Stunde VOR HATTE zu unterrichten. Wäre ja zu schön, ich könnte meine Planung jetzt so umsetzen. Meist ist diese Planung aber hinfällig, geht eben so nicht. Daher heißt es sich selbst zu hinterfragen was nun wirklich in dieser „schülerfernen Zeit“ unterrichtbar ist, was Sinn macht. Ich frage mich dann vor allem auch: „Wie kann ich das an euch rüber bringen?“ … vor allem, ohne euch hunderte an Kopien abzuverlangen, oder gar eine Online-Vorlesung starten zu müssen, bzw. dürfen? Schließlich ist Biologie nicht eben das Fach, das sich ansonsten durch übermäßig viele Übungen und Wiederholungen auszeichnet. Es heißt für mich daher mir „ein Unterrichtsziel zu setzen“, damit beginnt immer alles – auch jetzt.

Habe ich mich für ein Ziel entschieden, gilt es dann einen Arbeitsauftrag zu formulieren, möglicherweise alles durch ein Arbeitsblatt aufzupeppen (das sich ggf. auch am Rechner oder Handy bearbeiten lässt) und zur Unterstützung und Abwechslung noch ein Filmchen o.ä. dazu zu finden. Die Frage, die ich mir dabei immer auch stelle, lautet: „Gibt unser Buch dazu was her?“ Falls ja, wird das noch in den Arbeitsauftrag mit eingebunden. Auch immer wichtig: „Gibt es Möglichkeiten zur Kollaboration?“ Kann ich euch also zwingen sich austauschen zu müssen, damit euer Kontakt, vor allem auch der zu den etwas Ruhigeren in der Klasse erhalten bleibt. Das ist zugegebenermaßen aber nur in wirklich wenigen Fällen gut machbar. Soweit möglich versuche ich dann noch – zumindest im Fach Biologie – dem Arbeitsauftrag etwas anzufügen, das sich abseits des „normalen Unterrichts“ bewegt. Ein Beobachtungsauftrag in der Natur, eine sportliche oder andere Aktivität, die dem Stressabbau dienen soll, ein Schreib-, Fotografier- oder Malauftrag in der Natur, meist mit dem Hinweis versehen, andere daran teilhaben zu lassen, sofern möglich. Das wäre dann eine Stunde. Aber nein, STOP, da war ja noch was … Lösungen nicht vergessen! Die wollen ja auch vorbereitet sein. Also noch einmal überprüfen, passt das alles mit der Zeit? Ist es nicht zu viel für eine Stunde?

Alle dies geschieht normalerweise für den nächsten oder übernächsten Tag, jedenfalls so, dass eure Klassenlehrkräfte noch Zeit haben das euch in euer Tauschverzeichnis im FiLR einzustellen. So ganz nebenbei erwähnt bedeutet das für uns Lehrkräfte – wie üblich – auch an Wochenenden zu arbeiten. Der Sonntag ist auch in nicht-Corona-Zeiten bei vielen von uns zumindest ein halber Arbeitstag. Jetzt unterschieden sich bei uns, wie bei euch vermutlich auch, Wochenenden nur wenig von den übrigen Wochentagen. Ich empfinde es zumindest so, als ob durch die Schulschließung und das Kontaktverbot alles irgendwie „gleicher“ wird, ebener, weniger getaktet. Oder habt ihr wie üblich dran gedacht eure Uhr umzustellen?

Zurück zum Thema: Am eigentlichen „Unterrichtstag“ schreibe ich dann meist eine kleine Notiz, eine weitere Info, o.ä. für euch in den Messenger (sofern dieser eben wieder läuft), um damit den Kontakt zu euch zu halten. Dann warte ich – während weitere Stunden für die folgenden Tage vorbereitet werden – nebenher auf eure Reaktionen, beantworte eure Fragen, oder wechsle eben auch nur ein paar Worte mit euch.

Zugegebenermaßen kommt es leider aber viel zu wenig vor, dass dann wirklich ein Ergebnis meiner Zusatzaufträge bei mir eintrifft. Das sind dann meine kleinen Freuden des Tages: Ein Foto vom Familienessen, ein Bild sich paarender Kröten vom nahegelegenen Feuchtbiotop, Kunst-Studien aus einem Waldstück, ein kleines Akrostichon zum aktuellen Thema. Einfach nur ein paar nette Worte zum Arbeitsauftrag. Ihr glaubt ja gar nicht, worüber sich Lehrkräfte so alles freuen können, wenn sie ihre Schüler nicht täglich unter – in meinem Fall – schlechten Humor leiden lassen können! Wie ihr seht, fehlt ihr uns. Sicherlich sogar mehr, als wir manchen von euch! Unterricht ohne Schüler ist sicher nicht der Grund, warum wir Lehrer geworden sind!

Soviel zum Unterricht. Aber auch für „die Zeit danach“ will geplant sein: Wann führen wir jetzt die Oberstufenwahlen durch? Wie informieren wir euch über Details? Wie wird es mit dem Abitur weitergehen? Was passiert mit bereits geplanten Veranstaltungen? Was ist mit Klassenarbeiten, GFS, fachpraktischen Noten, …? Das sind alles Fragen, die uns zurzeit ebenso unter den Nägeln brennen wie euch. Wir diskutieren viel intern über Möglichkeiten, aber auch wir warten auf Antworten und können nur „für den Fall dass“ planen. Klarheit über die Zeit nach Ostern gibt es auch bei uns (Stand heute 30.03.2020, 10:30 Uhr) ebenso nicht.

Bei all dem Außergewöhnlichen hätte ich doch glatt das Gewöhnliche vergessen … wortwörtlich! Da liegt ja noch die letzte Klausur der Kursstufe 2 herum … unkorrigiert! Im Normalfall ist die zur nächsten Stunde oder spätestens in zwei Tagen fertig. Jetzt liegt sie schon zwei Wochen da. Einfach liegen gelassen aufgrund der anderen Dinge, die alle irgendwie immer wichtiger waren.
Ich mach mich aber gleich dran … versprochen ….

Und somit wären wir wieder beim Beginn dieses Eintrags … wie war das mit dem Hobby? Denn da gibt es ja auch noch unseren Alltag, der mehr oder weniger weitergeht. Auch wir haben Familie, Eltern, Kinder, Partner und / oder ein Haustier.

Entsprechend habe ich mein Foto für euch gewählt … frei nach dem Motto „Hobbys in Zeiten der Corona?“ Oder doch lieber einen Sonnenuntergang, wie von euch im Anschreiben formuliert? Bitteschön. Weil am neuen Friedhof nahe Breitenstein. Drückt so ein bisschen was von der Stimmung eben aus.

Euer Joachim Reichl

Bewerte diesen Artikel!

durchschnittliche Bewertung: 4.4 | Anzahl der Bewertungen: 23

Bisher keine Stimmen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

2 Antworten auf “Tag 1: Herr Reichl”

  1. Terminator

    Sehr interessanter Beitrag.

    Antworten
  2. Kathrin Rehmke

    Eine sehr treffende Beschreibung unseres gegenwärtigen Alltags . Und jetzt schnell wieder an den Schreibtisch …

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.