Tag 6: Herr Musil

Herr Musil und sein Ofen
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Das machen Schüler und Lehrer während der Quarantäne – Herr Musil verkündet seinen erlebnisreichen Tag!

[Anmerkung der Redaktion: Bei der erwähnten Fristar handelt es sich um einen Durchlauferhitzer]

Heute bau ich die Fristar 2 ein!

Es ist 8:39 Uhr. Ich bin früh dran heute, denn heute baue ich die Fristar 2 ein. Doch vorher erst mal den neuen Ofen anmachen. Und den Wasserkocher, denn was wäre ein Tag ohne grünen Tee? Wie sehen die neuesten Coronazahlen aus? Johns Hopkins University checken, OK. Oh weh, die Amis! Aber Trump gewinnt an Umfragewerten. Jedes Volk soll die Regierung haben, die es verdient. Und die Wikipedia? Idiotenpack, diskutieren endlos darüber, ob sie die tägliche oder wöchentliche oder gar keine prozentuale Änderung angeben sollen, und löschen dann alles wieder raus. Aspi-Spielplatz halt.

Ich weiß gar nicht, ob ich alle Teile für die Fristar 2 habe. Holz nachlegen und runter in den Keller. Also wie gehe ich am besten an die 3/4‘ Außengewinde ran? Ich hatte doch mal, also irgendwo in einer Kiste war doch mal so `ne Tüte. Ja! Das passt, aber … Naja, man könnte …, aber ganz ohne Verschraubung ist das doch blöd. Dann brauche ich also ein Reduzierstück mit 3/4‘ Innengewinde und 1‘ Außengewinde. Dazu einen Beutel 22mm-Lötmuffen und Rohrisolierungen. Da hilft nur eins: Ich muss den Baumarkt meines Vertrauens aufsuchen.

Gemütliche Fahrt über leere Straßen bei bestem Wetter, was will man mehr? Oh, doch! Mist, Teekanne vergessen. So kann kein Mensch gescheit einkaufen. Noch mal kurz zurück, was sein muss, muss sein. Passt auch gut, denn dann kann ich die Informationen am Mittag während der Fahrt nach Tübingen vollständig hören. Eine Frage will mir nicht aus dem Kopf gehen: Kann man sich an einer Bratwurst infizieren?

Wenn ich Zeit dafür hätte, hätte ich mich längst mal wieder rasiert. Aber man kommt ja zu nichts! Es ist keine Freude, wenn der Senf im Bart hängen bleibt und man ständig die Haarenden im Mund hat. Das 2. Drittel der Informationen am Mittag ist vorbei und dem Einkauf steht nichts mehr im Wege. Ach, wo ich gerade da bin, fällt mir noch ein: Gestern hat mir mein Bruder am Telefon erklärt, dass ich eine Schwerkraftbremse in den Heizkreislauf einbauen sollte. Aber was ist das denn für ein komischer Flansch? Der Verkäufer weiß es auch nicht. Dann halt erst mal keine Schwerkraftbremse. Zurück nach Hause. Brot! Das brauche ich noch. Mein Lieblingsverkaufsmensch mit dem „100% Mensch“-Regenbogenarmband verkauft mir mein Lieblingsbrot: Holzfäller mit Kümmel. Jetzt kann nichts mehr schief gehen und meine Arbeit beginnt.

Wieso inzwischen alle LKWs, Bagger und so Zeug ständig piepen müssen, wenn sie rückwärts fahren, werde ich nie verstehen. Es piept schon wieder von der Erddeponie rüber. Da läuft keiner zu Fuß rum. Alle sitzen in ihren Baggern, Raupen und LKWs und verpiepen ihre Umwelt. Die 8-Stunden-Kompilation aus Walgesängen überdeckt nur die Symptome, aber löst nicht die Ursache des Übels. Warum es mir gerade jetzt so wichtig war, weiß ich nicht mehr. Nach eineinhalb Stunden gewissenhafter Recherche kann ich mit großer Gewissheit sagen, dass „Atte Katte Nuwa“ kein Eskimo-Lied ist und weder vom Walfang noch von braunen Pferden handelt, sondern einfach nur Phantasie-Kindersprache ist. Wer hätte das gedacht! So bildet man sich auch als Lehrer immer wieder fort. Lebenslanges Lernen heißt die Devise!

Herr Musils Arbeitsbereich

Ach so, die Fristar 2 wartet. Jetzt aber ran an die Arbeit!

Wasser abstellen und Rohre aufschneiden. Keine Ahnung, ob die Profis da einen Trick haben, aber wenn das kalte Wasser durch die Ärmel bis in die Achselhöhle läuft, ist definitiv was falsch. Und wie man es vermeidet, jedes Mal den Boden komplett unter Wasser zu setzen, habe ich auch noch nicht verstanden. Egal, ich kann‘s nicht ändern.

Herr Musils Schraubenschlüssel
Ich schwör: Ich hab’s genauso gemacht wie im YouTube-Tutorial. Aber der Schraubenschlüssel ist ein HuSo!

Hab‘ ich die Fittinge etwa im Auto gelassen? Und da kommt doch zufällig gerade mein Nachbar und gibt mir wertvolle Tipps für meine Arbeit. Prinzipiell könnte er mich vom Küchenfenster aus sehen, wenn ich zum Auto gehe, aber Rentner haben wichtigeres zu tun als zum Fenster zu gucken. Bei aller Arbeit darf man die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht ganz vernachlässigen. Nach einer guten halben Stunde weiß ich wieder über alles Bescheid, insbesondere darüber, was ich schon längst alles hätte getan haben können. Nicht jeder kann sich vorstellen, dass man sein Geld nicht fürs Nichts-Tun bekommt.

Während der Arbeit die „Informationen am Abend“ im Radio zu hören entspannt und bildet. Der Hintergrundbericht über die Demokratiebewegung in Algerien ist auch sehr interessant, sofern er nicht durch das Surren der Lötflamme übertönt wird. Ebenso das Feature über Autobahnkirchen und die Romanlesung. Irgendwas über Nazis in den USA kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

22:30 Uhr: Die Fristar 2 hängt an der Wand und ist wenigstens mal an das Kaltwasser angeschlossen. Und ich kann das Wasser wieder anstellen. Was gibt es schöneres, als am Abend eines arbeitsreichen Tages die Fristar 2 so richtig durchzuspülen? Und morgen schließe ich sie fertig an. Ich kann ja auch nichts dafür, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Nur zu dumm, dass der alte verkalkte Hahn furchtbar leckt, nachdem ich ihn bewegt habe. Da wird mir wohl beim besten Willen morgen nichts anderes übrigbleiben, als erst mal den Baumarkt meines Vertrauens aufzusuchen.

Von Herr Musil

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