Tag 14: Frau Hobritz

4.5
(13)

Das machen Schüler und Lehrer während der Quarantäne – Die zweite Woche schließt mit Frau Hobritz ab:

Ganz ehrlich – einen Blog schreiben, ich!!!! Das hab ich nicht mal während meiner Weltreise auf die Reihe bekommen und dann auch noch jetzt, wo so gar nüscht passiert, jeder Tag irgendwie gleich abläuft, die Zeit aber noch schneller zu vergehen scheint als sonst.

Also gut, so sieht er aus, mein Alltag: 6.55 Uhr, das Gedudel des Radioweckers reißt mich aus dem Schlaf und ich denke, was soll das denn, ich hab doch Feeeeeeeeeeeeeeeeeeeeriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiien!! Aber Gunnar hat Homeoffice, Arbeitsbeginn ca. 8 Uhr. Soll er doch aufstehen, ich dreh mich nochmal rum… Eigentlich wollte ich doch jetzt bei meiner Nordseeschwester sein, lange Spaziergänge machen am Deich und am Nordmeer mit Blick auf die Halligen, nach Dänemark fahren, um dort Flødeboller zu essen und bei Tiger lauter Dinge zu kaufen, die die Welt nicht braucht, die das Leben aber schöner machen… Aber nicht nur die Vernunft hat mich davon abgehalten, sondern vor allem die Schließung der innerdeutschen!!! Grenzen.

Ich denke immer noch, ich bin im falschen Film. Dass die Außengrenzen undurchlässig sind, kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend, dass es innerdeutsche Grenzschließungen im 21. Jahrhundert geben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Echt krass! Und an der Grenze zur Schweiz haben sie einen Zaun gezogen, inzwischen immer mehr dem Todesstreifen ähnelnd. Das ist echt gruselig.

Zeit aufzustehen. Gunnar steht noch unter der Dusche, ich gehe runter in die Küche und koche einen Tee für ihn und für mich einen Kaffee. Wenn er dann frisch geduscht nach unten kommt, kucke ich noch ziemlich verschlafen aus der Wäsche. Wir checken mal schnell die CORONA – Daten von Italien, Ungarn, Kanada, Ba-Wü, Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein und besprechen, wann und was wir frühstücken wollen, er verzieht sich dann vor seine drei Bildschirme, die seit drei Wochen im Gästezimmer aufgestellt sind, um zu arbeiten und ich vervollständige mal den Einkaufszettel für die Osterfeiertage. Wir sollen ja frühzeitig die Einkäufe erledigen, raten alle Radiosender der Republik.

Den Rat beherzige ich und fahre gegen 10.30 Uhr in Richtung Holzgerlingen. Der Parkplatz vor dem LIDL ist ganz gut gefüllt, aber es gibt noch ausreichend Einkaufswägen, deren Griffe vor Betreten des Marktes durch einen Mitarbeiter der Security desinfiziert werden. Auch ich werde aufgefordert, meine Hände zu desinfizieren. Die Regale des Marktes sind gut gefüllt, auch Obst und Gemüse ist in Hülle und Fülle vorhanden und ich kann fast alles, was auf dem Zettel steht, finden. Es gibt sogar Toilettenpapier! Siegessicher will ich meinen Einkauf bei REWE fortsetzen, aber dort werde ich ausgebremst. Ich ergattere zwar den letzten Parkplatz, sehe dann aber Menschen mit Einkaufswägen – den Sicherheitsabstand einhaltend – wie Perlen auf eine Kette gereiht vor dem Eingang stehen, sodass ich ganz spontan beschließe, den Rest des Einkaufszettels irgendwann anders zu besorgen.

Zu Mittag soll es überbackenen Porree (siehe Beitragsbild) geben. Das wollte ich schon immer mal ausprobieren, irgendwie hat aber immer was gefehlt, aber heute!!!! War sehr lecker und zwar so, dass ich Mama das Rezept kopiert und als Brief zum Briefkasten gebracht habe.

Zeit, um mal die Mails zu checken, denke ich… und daraufhin ändern sich schlagartig meine Pläne für diesen Dienstag. Eigentlich wollte ich ja die Italienisch Klassenarbeit endlich zu Ende korrigieren, noch ein Kapitel Buch lesen, vielleicht doch noch eine Aufgabe zu Ostern für die Schüler kreieren… All das hat sich erledigt, denn DER ELCH hat sich gemeldet. Er wünscht sich einen Blogbeitrag zum Quarantäne-Alltag, der auch noch unterhaltend und erfrischend sein soll. Drei Dinge, die ich nicht so wirklich kann. Aber den ELCH hängen lassen, geht auch nicht, also fange ich an zu überlegen und zu überlegen und zu überlegen und zu schreiben, wieder alles zu löschen, neu zu schreiben,… Dabei muss ich unweigerlich daran denken, wie toll es ist, dass es jetzt diese Computer gibt und ich nicht mehr mit der Schreibmaschine arbeiten muss. Es ist so viel einfacher geworden, Texte zu verfassen. Man kann die Reihenfolge der Sätze immer wieder ändern, problemlos etwas hinzufügen, ganz leicht etwas löschen, verworfene Gedanken mit STRG+Z ganz schnell zurückholen.

16 Uhr – ohrenbetäubender Lärm reißt mich aus dem Schreibprozess. Oh nein, der Nachbar hat seinen Bohrhammer aktiviert, um die Fliesen der Eingangstreppe, die neu gemacht werden soll, abzupickern. Der Krach ist echt nicht zum Aushalten, da bleibt nur die Flucht nach vorn, also ab in den Schönbuch. Eigentlich ist es noch zu früh, noch viel zu warm – 22 Grad – und wahrscheinlich sind noch viel zu viele Leute im Wald unterwegs. Aber es hilft nichts, ich muss hier raus!!!

Im schönen Schönbuch dann das Kontrastprogramm. Da der Flughafen Stuttgart seit gestern geschlossen ist, kein Fluglärm, sondern nur Vogelgezwitscher, wärmende Sonnenstrahlen und Natur, die man ganz hervorragend zum Rumblödeln nutzen kann.

Und weil nicht so ganz klar war, ob der Krach zu Hause schon vorbei sein würde, haben wir noch einen Abstecher in die Altdorfer Mühle gemacht und sind noch einen Ringel gefahren, also von Holzgerlingen nach Breitenstein, dann weiter nach Weil im Schönbuch, dort über den leergefegten Marktplatz in Richtung Weiler Hütte und schlussendlich auf die B464. Inzwischen war so viel Zeit ins Land gegangen, dass nicht mehr der Bohrhammer, sondern unsere Bäuche Lärm machten.

Die Sonne hat für den heutigen Tag auch ihre Bahn beendet, sodass wir ganz ungestört einen Film ansehen können. Kino ist ja grad nicht, aber es gibt noch ausreichend Kultfilme, die man überhaupt erst einmal oder noch einmal sehen kann. Momentan haben wir ja ausreichend Zeit und Muße, um unsere Bildungslücken in Sachen Filmkunst von Asterix bis Zurück in die Zukunft umfassend schließen können. Heute steht Casablanca mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann auf dem Programm. Und ich bin da immer wieder ganz der Meinung von Martin Smith: „Casablanca ist ein Film mit einer Beziehung zum Publikum, die kein anderer Film so erreicht hat. Es ist eine 60-jährige [78-jährige A.d.R.] Liebesaffäre, die immer noch so frisch wie beim ersten Aufeinandertreffen ist. Jedes Mal, wenn man sich hinsetzt, um ihn zu schauen, ist es wieder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ (Übersetzung aus: Martin Smith auf theguardian.com am 28. November 2002).

Von Frau Hobritz

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