„HEUTE HABE ICH LEIDER KEIN FOTO FÜR DICH!’’

4.4
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ODER: WIE GNTM AUF KINDER UND JUGENDLICHE WIRKT

Es ist 20.15 Uhr.
Im Fernsehen sehe ich ein Model im kurzen Glitzerkleid, das den Laufsteg entlangstolziert. Sie bleibt stehen.
Mit großen Augen und offenem Mund blickt sie gespannt und doch ein bisschen ängstlich zur Jury.

Die Kamera schwenkt auf ihr Gesicht und zoomt näher. Sie stottert und gestikuliert wild mit den Armen, um sich zu erklären: „Ich war schon mein ganzes Leben lang sehr ruhig und…’’ Sofort wird sie von einer Blondine im gelben Minikleid unterbrochen: „Kannst du zu Hause ja auch sein- kein Problem. Ich suche nur Germany‘s next Topmodel.“ Ihre Stimme ist sehr energiereich. Im Hintergrund höre ich Musik, die das ganze Szenario noch spannender darstellen soll- Geigen spielen immer schneller.

Doch die Blondine mit dem gelben Outfit setzt noch eins vorwurfsvoll drauf: „Es liegt nicht an deinem Shootingpartner. Es liegt leider an dir!“ Laute, bedrohliche Trommelschläge höre ich nun im Hintergrund. Die Situation spitzt sich zu! Dies erinnert mich sehr an den James Bond Film, den ich letztens gesehen habe. Die Blondine weist sie nun sehr kritisch auf ihre Fehler der letzten Woche hin, mehr Blabla als hilfreiche Informationen. Und dann kommt der von vielen vorhergesehene Satz, der das Leben von Kandidatin Julia komplett ändert: „Leider habe ich heute kein Foto für dich!“
Dies ist wohl einer der bekanntesten Sätze, die Heidi Klum in ihrer bekannten Castingshow „Germany‘s Next Topmodel“, kurz GNTM, sagt. Mit diesem einfachen Satz fliegt eine weitere Kandidatin raus und muss hiermit ihren Traum aufgeben, über die berühmten Laufstege von Mailand, Paris und Co zu laufen. Ihre „Mädchen“, wie Heidi sie so gern nennt, besitzen natürlich die typischen Modelmaße, die bei uns auch als Schönheitsideal angesehen werden. Die Models sind möglichst groß und so schlank wie möglich, das ist das, was eben anscheinend alle sehen wollen.
Es folgt der gefühlsvolle Song „Maps“ von Freya Ridings. Heidi verabschiedet sich von Julia, die aufgelöst nach unten schaut. Ihre Mitstreiterinnen nehmen sie hinter der Bühne entsetzt in den Arm. Ich höre Stimmen wie: „Oh nein Julia, ich will nicht, dass es vorbei ist.“ Einige weinen um die nun ausgeschiedene Freundin. Der Grund, warum Julia die Show verlassen muss, hat vielleicht auch etwas mit ihren Maßen zu tun- sie ist ein Curvymodel.
Und da fragt meine Freundin, die neben mir auf der Couch sitzt: „Findest du eigentlich auch, dass ich manchmal zu ruhig bin? Oder zu dick?“ Und ich denke sofort auch an die Momente, wenn ich Selbstzweifel bekomme und mich mit anderen vergleiche und mir aufzähle, womit ich bei mir selbst nicht zufrieden bin. Und das nur, weil andere uns einreden, wir sind nicht gut, so wie wir sind. Direkt nimmt man eben alles persönlich, irgendeine „Heidi“ kommt vielleicht auch zu dir und sagt: „Keine Angst, es liegt nicht an deinen Freundinnen, dass ich dich jetzt runtermache. Es liegt nur an dir! Ja, ganz genau an dir.“
Ich möchte Heidi und ihre Arbeit nicht kritisieren, es geht nur darum, dass wir alle diese „Heidis“ in unserem Umfeld kennen. Heidi Klums Job ist es, die Models zu kritisieren, damit sie besser werden, obwohl das schon zu hinterfragen ist. Aber die anderen „Heidis“ nicht. Sie erkennen nur Makel an Personen, die unsere Gesellschaft als Makel anerkennt, beleidigen einen und wollen einen am liebsten verändern, sodass wir ihnen gefallen. Doch ist das überhaupt berechtigt?
Mich interessiert es, wie meine Mitschülerinnen und Mitschüler mit der Castingshow umgehen.
Daraufhin habe ich eine kleine Umfrage am Schönbuch-Gymnasium Holzgerlingen (SGH) gemacht. Diese zeigt mir, dass es vielen mit den Selbstzweifeln auch so geht.

links Hr. Schulreich, rechts Dr. med. Eder

Die Fünftklässler interessieren sich selten bis gar nicht für die Castingshow GNTM und machen sich wenig Gedanken um ihren Körper.
Für meine Recherche besuchte ich zwei Kinder- und Jugendärzte in ihrer Praxis.
Langsam leert sich die Praxis und es wird ruhiger. Sebastian Schulreich verabschiedet sich von seinem letzten kleinen Patient für diesen Tag und bittet mich im Behandlungszimmer Platz zu nehmen. Sein Kollege Dr. med. Markus Eder stößt auch noch hinzu.
„Das Vergleichen hängt mehr vom Entwicklungsstatus ab. Man kann es nicht auf ein bestimmtes Alter beziehen, sondern eher auf die Reifung. Ab der Pubertät fängt dies meist an. Deshalb erklärt sich, warum die Unterstufe sich noch nicht so riesige Gedanken um den eigenen Körper macht. Die Selbstwahrnehmung ist auch sehr vom Elternhaus geprägt, wenn z.B. sehr viel Wert auf Äußeres oder Sportlichkeit gelegt wird“, meint Sebastian Schulreich. Wie in meiner Umfrage gibt es „ab und zu Fälle, wo ich es umso erschreckender finde, wenn ein 9- oder 10-jähriges normalgewichtiges Mädchen sich Sorgen um ihr Gewicht macht. In diesem Alter sollte das Gewicht noch kein Thema sein, wenn sie nicht massiv übergewichtig sind. Aber von Trainern im Sport verspüren manche Druck.“
„Wenn es eine krankhafte Dimension erreicht, müssen in Kinderkliniken die schwerst untergewichtigen Zustände behandelt werden, auch psychiatrisch“, so Herr Schulreich. „Das Körperliche ist nur ein Symptom von einer ganz anders gelagerten Störung.“ Dr. Eder fügt hinzu: „Eine Serie kann einen normalerweise nicht magersüchtig machen, sondern man hat von Vornherein eine Neigung, die einen dann noch mehr beeinflusst. Wenn man keine Bestätigung z.B. von den Eltern bekommt, dass alles „richtig“ mit einem ist, dann orientiert man sich an solchen Serien. Vor allem wenn das Selbstbewusstsein noch nicht vollständig ausgebildet ist und niemand hinter einem steht, ist es schwer. Wenn man weniger isst und hungert, kann sich das sehr stark auf einen Menschen auswirken, gerade auch, wenn man noch nicht vollständig ausgewachsen ist. Dadurch wächst man dann z.B. weniger und die Pubertät entwickelt sich langsamer“, meint Herr Dr. Eder. „Bis hin zu körperlicher Entstellung mit Minderwuchs, etc. und einer geistig eingeschränkten Leistungsfähigkeit, die dann sogar bis zum Tod führen kann“, fügt Herr Schulreich hinzu.
Bei Mädchen sind die Selbstzweifel und die daraus entstehende Magersucht übrigens deutlich häufiger als bei Jungs. „Aber es sind nicht nur Mädchen, das muss man ganz deutlich sagen. Es gibt auch Jungs, die eine Körperwahrnehmungsstörung haben, die sich in verschiedenster Art und Weise ausprägt und verschiedene Ursprünge hat. Das kann z.B. ein übertriebener Leistungsanspruch an sich selbst sein. Dabei hat man Körperwahrnehmungsprobleme, also z.B. einen Schlankeitswahn als Symptome der Essstörung“, so Herr Schulreich.
Bei Mädchen kommen Essstörungen häufiger vor, da der Wert einer Frau in unserer Gesellschaft mehr über das Äußere definiert wird. Auch das weibliche Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl hängt bei Mädchen mehr vom Äußeren ab als bei Jungs, was viele Studien belegen. Laut dem Bundesverband für Essstörungen war das Ergebnis einer IZI-Studie von 2015, die „die Rolle von Fernsehsendungen im Kontext von Essstörungen wie Magersucht und Bulimie aus Sicht der Betroffenen’’ untersuchte, dass GNTM Essstörungen verstärken kann. Für fast ein Drittel der Betroffenen war die Sendung entscheidend für die eigene Krankheitsentwicklung.
Vor allem die jüngeren Mädchen geben an, GNTM hätte einen „sehr starken Einfluss“ auf ihre eigene Essstörung gehabt.
In meiner Stufe waren die Meinungen zu GNTM gemischt. Die meisten gaben im Laufe der Einzelgespräche zu, dass sie mit ihrem Aussehen, dem Gewicht oder mit bestimmten „Problemzonen“ ihres Körpers nicht zufrieden sind. Eine Neuntklässlerin meint, dass Instagram und Werbung sie mehr beeinflusst als GNTM. Die Sendung wird mittlerweile nicht mehr als realitätsnah empfunden.
Mir ist nun klar geworden, dass GNTM nur eines der problematischen Formate ist. Wer zu alt für GNTM ist, wechselt direkt zu Instagram. Aber das wäre ein Thema für einen anderen Bericht. Außerdem ist vielmehr unser eigenes Umfeld das Problem, als diese eine Sendung an sich.
Ich traue es mir nicht zu, direkte Verbindungen zwischen veränderter Selbstwahrnehmung, Magersucht und den daraus entstandenen Problemen und GNTM zu ziehen.

Von Pauline

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