Deutschland im „COVID-19-Ausnahmezustand“

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Schockierende Szenen in unseren Krankenhäusern?

Das Corona-Virus ist eine Zerreißprobe für unsere Gesellschaft. Ärzte sind mit unvorstellbaren ethischen Fragen konfrontiert, für die sie eigentlich weder die Zeit noch die Mittel haben. Im Schnellverfahren müssen Ärzte entscheiden, wessen Überlebenschancen größer sind. Welcher Viruserkrankte noch auf ein Bett auf der Intensivstation hoffen darf, wer warten muss. Sortieren- darum geht es bei einer Triage, die beispielsweise im größten bisherigen Infektionsherd New York bereits unvorstellbare Ausmaße angenommen hat. Doch wie geht es dem deutschen Personal im Gesundheitswesen? Zur Untermauerung des folgenden Artikels wurden Fragebögen des ELCHs in verschiedenen Krankenhäusern und unterschiedlichen Abteilungen an die Ärzte ausgehändigt.

Entgegen der bislang geltenden Richtlinien rät die US-Regierung nun auch zum Tragen von Gesichtsmasken, um das sich immer weiter ausbreitende Virus einzudämmen. New Yorks Bürgermeister sagte, den Krankenhäusern der Stadt fehle es derzeit vor allem an Personal und Beatmungsgeräten, dies zu beschaffen sei ein Wettlauf gegen die Zeit. 

Aktuell können wir uns im deutschsprachigen Raum noch glücklich schätzen, denn solche Horrorszenarien, wie sie sich mit der Welle an Leichen in der „Stadt, die niemals schläft“ gerade abspielen, sind bei uns nicht direkt zu verzeichnen. Um verstehen zu können, wie die Vorbereitungen des Gesundheitswesens im Bestfall ausfallen müssten, sollte man sich zunächst über den Erreger und dessen körperliche Folgen im Klaren sein. Im Gegensatz zu Grippe- und Erkältungsviren können Coronaviren dafür sorgen, dass das Immunsystem verrückt spielt und dabei gleich mehrere Organe im Körper schädigt. Die Lunge bildet bei einer solchen Kettenreaktion sozusagen den „Ground Zero“, da das Virus ebenso wie die Grippe eine Atemwegserkrankung auslöst. Jedoch wird meist nicht nur die Lunge in Mitleidenschaft gezogen: Es kann im weiteren Verlauf der Krankheit beispielsweise zu einer Art „Sturm im Blutkreislauf“ kommen, ein Kollateralschaden der Leber ist zudem nicht auszuschließen und auch die Nieren bleiben aufgrund der hyperaktiven Immunreaktion des Körpers im schlimmsten Fall nicht verschont.

Handschuhe anziehen, Kittel umlegen, Schutzmaske, Schutzbrille und OP-Haube aufziehen: So gehen Pfleger und Ärztinnen im Idealfall vor, wenn sie mit dem neuartigen Coronavirus Infizierte behandeln wollen. In der jetzigen Situation ist es entscheidend, wie effektiv Kliniken und deren Angestellte handeln. Hierzu zählt in diesem Fall auch das bundesweite Besuchsverbot für Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime. Das adäquate Vorgehen, sobald ein Patient mit einem begründeten Verdacht, sich mit dem Virus infiziert zu haben, ins Krankenhaus eingeliefert wird, sieht im Ungefähren so aus: Die Person wird zunächst isoliert untergebracht – dies idealerweise in einem Schleusenzimmer, das vor dem eigentlichen Patientenzimmer einen zusätzlichen Raum hat, sodass sich immer eine geschlossene Tür als Grenze zum Flur befindet. In ebendieser Schleuse besteht eine Verpflichtung für die Ärzte und das Pflegepersonal zum Tragen von Schutzkleidung, um Untersuchungen durchführen zu können.

Doch in Bezug auf die Schutzkleidung ergibt sich das erste Problem. Schon jetzt gibt es Engpässe bei der Versorgung mit Schutzausrüstung und einige Kliniken haben bereits angefangen, Sicherheitsvorräte zu bilden. Hier sehen die Zustände von Krankenhaus zu Krankenhaus sehr verschieden aus: Manche Ärzte geben an, dass man zu Beginn der Pandemie noch ohne Mundschutz hätte arbeiten müssen, andere wiederrum berichten, dass immer eine konstante, hohe Zahl an Schutzkleidung bereits von Anfang an zur Verfügung gestanden hätte.

Doch nicht nur die Zahl der Isolierbetten ist entscheidend bei der Beantwortung der Frage, wie gut das deutsche Gesundheitssystem auf eine Sars-CoV-2-Pandemie vorbereitet ist, sondern auch durch den Krankheitsverlauf die Anzahl der Betten, die mit einer Beatmungstechnik ausgestattet sind. Intensivbetten, die sich durch ausführliche medizinische Pflege und Betreuung, sowie durch die Anschlussmöglichkeit klinischer Geräte z.B. eben dieser Beatmungsmaschinen auszeichnen, sind sehr gefragt. Eine Besonderheit der Pandemie besteht nun darin, dass viele Menschen wochenlang auf einer solchen Intensivstation beatmet werden müssen. 2018 gab die „Deutsche Krankenhausgesellschaft“ noch an, dass es etwa 28 000 Intensivbetten in Deutschland gäbe. Diese Aussage bestätigt sich aktuell, denn bisher, Anfang April 2020, reicht die Anzahl dieser Betten in Deutschland noch zur Bewältigung der Corona-Pandemie aus. Die für diesen Artikel befragten Fachkräfte gaben zudem an, die Behandlungskapazitäten in ihren Kliniken aufgestockt worden seien. Dies äußert sich unter anderem Umwandlungen von Normalstationen in reine „COVID-Stationen“ mit mehr Beatmungsplätzen und einer Umschichtung von Kapazitäten wie Leihgaben in Form von geschultem Personal.

Doch es gibt keine Entwarnung. Hört man denjenigen zu, die sich jetzt um die schwer Erkrankten in den Kliniken kümmern, dann gibt es trotz der im internationalen Vergleich hierzulande exzellenten medizinischen Expertise und den stationären Kapazitäten zumindest keinen Anlass, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Spätestens, wenn Grippe- und Corona-Welle zusammenfallen, wären wohl auch deutsche Krankenhäuser überlastet. Um das zu verhindern, versuchen die Behörden aktuell noch, jede Infektion in Deutschland rechtzeitig zu erkennen und die Betroffenen in Isolation und die Kontaktpersonen unter Quarantäne zu stellen. Als ärztlicher Appel an die gesunden Menschen der Bevölkerung kann formuliert werden, dass die Lage ernst zu nehmen sei, da sich Mythen wie, dass nur ältere Infizierte in Lebensgefahr schweben würden, nicht bestätigt haben. Zudem ist sich möglichst in den eigenen vier Wänden aufzuhalten. Man sollte sich fragen, ob egoistische „Corona-Party“ Teilnehmer vom sich aufopfernden Personal des Gesundheitswesens eine Maximaltherapie erwarten können.

Als weitere Maßnahme im Kampf gegen das Virus hat die Bundesregierung Krankenhäuser dazu aufgefordert, alle planbaren Operationen, Aufnahmen und Eingriffe zu verschieben, um Plätze für Virus-Erkrankte freizuhalten. Die durch Covid-19 ausgelöste Krise sei entscheidend für die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Damit das Gesundheitssystem weiterhin funktionsfähig bleibe, dürfe es nicht überlastet werden. „Es geht um das Gewinnen von Zeit.“, erklärte Merkel. So besteht beispielsweise ein Urlaubsverbot für Internisten, die zu dem händeringend gesuchten Personal zählen und es werden Anfragen nach einem Aufstocken der Arbeitsstunden gestellt. Im Gegensatz dazu steht der Zwangsurlaub der Chirurgen, die dazu angehalten sind Überstunden abzubauen und Arbeitsstunden weitestgehend zu reduzieren.

Die finanziellen Abgründe, die sich durch solche Zwangsurlaube auftun, sollen laut Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) „Jenseits des normalen Abrechnungssystems“ durch Finanzspritzen geregelt werden. Die fehlenden Einnahmen durch die ausbleibenden Operationen müssten finanziell entschädigt werden. Kein Krankenhaus solle durch diese gesundheitspolitischen Maßnahmen ins Defizit kommen.

Bleibt gesund und sorgt dafür, dass es die Anderen auch bleiben!

Von Tessa

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