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Kurzgeschichte: Mobbing

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Dies ist eine Kurzgeschichte zum Thema Mobbing, wir hoffen, sie gefällt euch!

Schon mein ganzes Leben lang bin ich selbstbewusst und frei gewesen. Noch nie hatte ich mir von irgendjemandem die Meinung sagen oder mich beeinflussen lassen. Doch an einem Tag veränderte sich plötzlich meine ganze Welt. Alles, was ich geglaubt hatte, zu sein, brach zusammen und ließ mich völlig ratlos und niedergeschlagen zurück.

Ich war in der Schule, es war ein ganz normaler Tag, alles war wie immer. In der Pause war ich mit ein paar Freundinnen auf dem Schulhof und wir redeten über dies und das, nichts, woran man sich später noch so wirklich erinnert. Als wir zurück in unser Klassenzimmer kamen, sahen wir das Mädchen. Ich kannte sie nur vom Sehen, ich glaube, sie ging in die Parallelklasse. Eine große Gruppe, bunt gemischt aus Mädchen und Jungen, stand im Kreis um sie herum. Sie machten sich über sie lustig. Ich hörte mehrere Schimpfwörter und sehr verletzende Dinge.

Aber niemand tat etwas.

Alle anderen sahen zu, keiner wollte dem Mädchen helfen. Dann fegte eines der Mädchen ihre Schulsachen vom Tisch und sie bückte sich beherrscht, um alles wieder einzusammeln. Trotzdem konnte ich sehen, wie sie mit sich kämpfte. Sah, dass es sie all ihre Kraft kostete, sich vor den anderen nichts anmerken zu lassen. Da machte meine Freundin Katie einen Schritt vor und herrschte die Gruppe an: „Jetzt hört doch mal auf damit. Merkt ihr denn nicht, wie dumm das ist?!“

Alle drehten sich zu ihr um und starrten sie an.

„Was soll das, Katie? Du willst doch nicht ernsthaft sagen, dass du mit der befreundet bist?!“, sagte ein Junge und machte drohend einen Schritt auf meine Freundin zu. Diese schaute hilflos zu mir. Ich war schon immer die Selbstbewusstere gewesen. In Situationen, wo sie nicht mehr wusste, was sie sagen sollte, war ich immer eingesprungen und hatte ihr geholfen.

Jetzt wanderten alle Blicke zu mir und ich konnte förmlich ihre Gier spüren. Die Gier, dass ich mich für das Mädchen einsetzten würde und sie endlich jemand Neuen ärgern konnten. Dass sie mich von der Liste der Coolen streichen konnten und selbst einen Platz weiter nach vorne rutschen würden.

Und obwohl ich sie für das verachtete, was sie da abzogen und ich es absolut dämlich fand, machte ich einen Schritt nach vorne und zog Katie am Ärmel zurück.

Ich weiß nicht, wieso ich das tat, aber wahrscheinlich hatte ich einfach zu sehr Angst davor, mich gegen alle zu stellen. Davor, plötzlich uncool zu sein und ausgeschlossen zu werden. Angst vor diesem Gefühl, zu wissen, dass der ganze Raum gegen einen ist. „Quatsch! Sie wollte nur wissen, ob ihr keine cooleren Sachen draufhabt, als ihre Sachen runterzuschmeißen“, sagte ich laut und hielt immer noch Katies Ärmel fest umklammert. Die Meute schaute enttäuscht drein.

Aber da riss Katie sich von mir los und schaute mich entgeistert an. „Was sagst du da? Spinnst du?! Wir sind doch keine Mobberinnen!“, rief sie schockiert. Es tat so weh, zu sehen, wie enttäuscht sie von mir war. „Katie. Hör auf damit“, zischte ich ihr eindringlich und immer verzweifelter zu. Die Gesichter der anderen hingen an unseren Lippen, sie wollten kein einziges Wort verpassen, für sie war das anscheinend Unterhaltung pur. Enttäuscht und wütend richtete sie sich an die ganze Klasse: „Ihr seid alle so erbärmlich! Wollt euch besser fühlen, indem ihr andere klein macht! Das ist widerlich! Ihr seid widerlich!“ Ich bewunderte Katie für ihren Mut, doch gleichzeitig hätte ich sie am liebsten angeschrien. Wusste sie, was sie da tat? Dass sie nun für den Rest ihrer Schulzeit keine Chance mehr auf Freunde hatte? Dass sie von nun an jede Pause alleine verbringen und sich mit ständigen Lästereien abfinden musste?

Da machten zwei der Jungen einen Schritt auf sie zu und packten sie an den Schultern. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Wir haben dir nie etwas getan, aber wenn du es so willst…“, zischte einer von ihnen bedrohlich. Sie wehrte sich, aber die anderen hielten sie eisern fest und so musste sie mitansehen, wie sie ihr Zeichenheft aus ihrer Tasche holten und anfingen, die Seiten ganz langsam in tausend kleine Schnipsel zu zerreißen.

Ich stand wie betäubt da und sah dabei zu, ich konnte mich nicht bewegen. Ich sah einfach nur zu, wie sie meine Freundin fertigmachten. Dann kamen die anderen zu mir: „Was ist mit dir? Bist du plötzlich auch auf der Seite dieser Loser?“ Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück und schüttelte ohne nachzudenken den Kopf. Die Angst davor, alleine gelassen zu werden, hatte mich fest im Griff. Katies Blick beschämte mich dermaßen, dass ich am liebsten angefangen hätte, zu heulen.
Aber ich riss mich zusammen und mein Mund reagierte, bevor ich denken konnte. „Ich hab keine Ahnung was mit ihr los ist.“ Einen kurzen Augenblick musterten mich noch alle gründlich, dann wandten sie sich wieder dem Mädchen zu. Sie begannen, sie zu schubsen, während sie Katie weiter festhielten, die sich schreiend wehrte.

Ich senkte zutiefst beschämt den Blick. Ich würde Katie nie wieder in die Augen sehen können. Und dem Mädchen auch nicht. Natürlich hatte ich auch früher schon die Sticheleien gegen sie mitbekommen, hatte aber immer versucht, sie zu ignorieren, damit ich mich mit keinem anlegen musste. Aber so eskaliert wie heute war es noch nie. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich mich auch damals schon schuldig gemacht hatte.

Ich fühlte mich so klein und dreckig. Wie gemein konnte man nur sein? Was hatte ich getan? Aber ich konnte mich einfach nicht rühren, mein Mund wollte sich nicht öffnen und ich war wie erstarrt.
In dem Moment stürmte unsere Lehrerin herein und beendete den Horror damit. Sofort brach ein riesiger Tumult aus. Alle redeten durcheinander und die Lehrerin konnte nicht herausfinden, was passiert war. Die ganze Zeit über wäre ich am liebsten im Boden versunken. In meinen Ohren rauschte es und ich hörte die Stimmen der anderen nur noch ganz undeutlich im Hintergrund, wie aus weiter Ferne.

Am Abend saß ich in meinem Zimmer und fühlte mich immer noch so hilflos und niedergeschlagen.

Was hatte ich bloß getan? Ich hatte immer gedacht, ich würde auf der richtigen Seite stehen, mich für Schwächere einsetzen, weil ich so selbstbewusst war. Und jetzt hatte sich mir die grausame Wahrheit offenbart. Eine unbekannte Seite, tief in mir versteckt, die ich bisher nicht kannte und an deren Existenz ich niemals geglaubt hätte. Ich hatte einfach nur zugesehen, nichts getan und war sogar noch ein bisschen froh gewesen, dass es nicht mich erwischt hatte.

Katie hatte kein Wort mit mir geredet, aber ihre Blicke hatten alles gesagt. Letztendlich würde es wahrscheinlich den meisten so ergehen wie mir. Aber auch, wenn wir nichts getan, sondern nur zugeschaut hatten, waren wir trotzdem Mittäter. Waren wir trotzdem genauso schuldig. Genauso schlecht und hinterhältig.

Jeder sagt sich immer, in so einem schlimmen Fall von Mobbing würde er eingreifen, aber die Wahrheit sah leider ganz anders aus. Was Katie getan hatte, war selten.

Ich wollte nicht böse sein, ich wollte nicht so weiterleben, diese Blicke und diese Schuld würden mich für immer verfolgen. Ich war verzweifelt. Ich wusste, ich muss zu unserer Lehrerin gehen und die Wahrheit sagen, dem Mädchen und Katie helfen, damit das Mobbing aufhören würde.

Aber ich wusste nicht, ob ich dafür mutig genug sein würde.

Von Maren

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