Die Schultiere in Quarantäne

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Schüler und Lehrer während der Quarantäne – Den krönenden Abschluss macht Frau Homann:

„Mama, wann ist endlich Morgen?“ Der Ruf schallt an mein Ohr und ich denke: Offensichtlich jetzt. Egal, ob Ferien oder Corona, auf den kindlichen Biorhythmus ist Verlass. Und während ich mit Rückenschmerzen ins Kinderzimmer torkle, ausnahmsweise mal, ohne vor irgendeine Kante zu laufen, denke ich: Es war eine wirklich blöde Idee, in Corona-Zeiten des geschlossenen Einzelhandels eine neue Matratze zu kaufen. So ganz ohne Probeliegen. Aber was will man machen, wenn plötzlich eine Feder ins Kreuz sticht?

Noch vor dem Frühstück schauen wir bei den Tieren vorbei. Inzwischen hat sich die Familie daran gewöhnt, dass das Gästezimmer mit den Käfigen und Terrarien der Schultiere gefüllt ist. Die Vögel haben Nachwuchs. Mein Sohn und ich zählen vier hungrige Schnäbel. Check. Vogelbabys anzuschauen ist noch immer spannend, aber: „Leo, möchtest du vielleicht die Mäuse füttern?“ „Nein, Mama, das darfst du gerne machen.“ Und er verschwindet. Neue Erkenntnis: Ein eigenes Haustier wird es bei dieser rapide nachlassenden Motivation vorerst nicht geben. Trotzdem sind die Tierchen eine riesige Bereicherung in dieser erschreckend ereignisarmen Zeit. Wie lange werden wir sie wohl hier haben? Wahrscheinlich noch in den Sommerferien. Dass die Unterstufen-AG vorher wieder anläuft, ist eher utopisch. Aber was soll’s? In den Urlaub wird man wohl eh nicht fahren und ein Gästezimmer ist derzeit auch ein eher unnützer Raum.

Das gemeinsame Frühstück wird vom Internet-Radio begleitet. Wir haben aus nostalgischen Gründen und Heimatverbundenheit immer WDR2 gehört. Aber derzeit ist das nicht sinnvoll. Deutschland war selten so föderal. Will man über die aktuelle Lage und Regeln informiert sein, sollte man sich lokal bilden. Was ist gestattet? Zwei Familienmitglieder plus ein Bekannter oder drei Familienmitglieder und sechs Vögel? Was ist mit Tieren außerhalb des eigenen Haushalts, die zeitweise im Haushalt leben? Oje…

Aber heute geht es im SWR nicht um aktuelle Corona-Verordnungen. Offensichtlich sind die Auswirkungen des Shutdowns auf die innerfamiliären Beziehungen das Thema. Der ermutigende Einstiegssatz lautet: „Anders ist es in Beziehungen ohne Kinder. Da läuft es gerade gut.“ Alles klar, dankeschön. Mein Mann und ich wechseln einen vielsagenden Blick. Aber wir können uns nicht beschweren. Es läuft wirklich gut. Trotz doppeltem Homeoffice in einem Arbeitszimmer. Wir koordinieren unsere Telkos und die Kinderbetreuung und haben sogar ein tägliches gemeinsames Mittagessen! Wann hat es das das letzte Mal gegeben?! Gesunde Ernährung für alle! Und so langsam haben wir auch die Kartoffeln endlich wieder aufgebraucht, die sich dann doch irgendwie trotz Hamster-Ablehnung in recht großer Zahl in unser Haus geschlichen haben.

Es klingelt an der Tür. Der Blick aus dem Fenster verrät: Der Paketbote. Das heißt, man sieht den Lieferwagen, den netten Herrn von DHL haben wir seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das Kind ist mit seinem Müsli fertig und entsprechend schnell an der Tür. Aber dieses Wettrennen verlieren wir erneut. Das Paket liegt ordentlich auf der Fußmatte, von einem menschlichen Überbringer keine Spur. Keine Frage, eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme der Deutschen Post, aber wie macht er das nur?! Unsere Einfahrt ist lang. Er muss jedes Mal einen bemerkenswerten Sprint hinlegen, um uns nicht zu begegnen. Irgendwie fühle ich mich schäbig, dass man so vor mir flüchtet.

Der Paketaufkleber verrät mir: Ein Osterpaket der Großeltern aus Aachen für den Enkel. Da muss ich mir dann eine gute Erklärung einfallen lassen, wie der Osterhase sich um zwei Wochen vertun konnte… Und warum die leckere Osterspezialität „Poschweck“ nach den dreieinhalb Wochen, die sie nun unterwegs ist, ganz besonders speziell schmecken wird.

Nach dem Frühstück gibt es heute Vater-Sohn-Zeit mit „Männerkram“, wie mein Sohn verkündet. Das sind anderthalb Stunden Zeit für ein Video-Gespräch mit der JS2 und ich bin sehr dankbar, endlich wieder etwas mehr Austausch mit meinen Schülern zu haben. Dann: Fliegender Wechsel. Ich verabschiede mich gerade noch bei „Teams“, da erobert auch schon mein Mann das Arbeitszimmer, das Headset auf dem Kopf, mit Redebedarf (Das kenne ich privat so ja gar nicht…) und offensichtlichem Zeitdruck. Mein Sohn empfängt mich stolz mit der neuen Errungenschaft des Vormittags: Eine kleine Laubsäge aus Papas Fundus, die jetzt ihm gehört und mit in den Wald genommen werden will.

Also beginnt jetzt der Tagesabschnitt, an dem ich so unendlich dankbar für dieses fantastische Wetter bin: Mit dem Kind raus an die frische Luft. Die Erfahrung der letzten Wochen zeigt nicht ganz überraschend: Es gibt Parallelen zwischen Leos Laune und meiner eigenen. Heute: Beide klasse! Man jagt am besten im Vormittag zwei Stunden durch die Wälder und Felder, arbeitet stattdessen am Nachmittag und Abend weiter und schreibt erst danach einen Blog für den Elch. Positive Nebeneffekte: Endlich kenne ich alle schönen Ecken rund um Renningen. Und bereits zur Mittagszeit sagt mir meine SmartWatch, dass mein Schrittziel von 10.000 Schritten erfüllt ist.

Am Nachmittag wieder Schichtwechsel. Ich belege das Arbeitszimmer, entwickle Arbeitsblätter, hoffe, dass ich mit meinen Ideen wenigstens den einen oder anderen Schüler zum Schmunzeln bringe und/oder sinnvoll beschäftige, vermisse das direkte und unverfälschte Feedback meiner Schüler, denke mir, wie gerne ich jetzt stattdessen in der Schule wäre, und frage mich, wie viele Schüler das wohl auch so sehen?!

Von Frau Homann

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